Wo Sportwissenschaft auf Coaching trifft: Ein Interview mit Simon Heidenreich

Fragen an Simon Heidenreich

Podcaster, ehemaliger Profi Eishockeyspieler, Sportwissenschaftler und Athletiktrainer.

Intro & Person

„Wer bist du, was treibt dich an – und wo trifft man dich?“

Ich bin Simon Heidenreich, ehemaliger Profi Eishockeyspieler, Sportwissenschaftler und Athletiktrainer. Aktuell arbeite ich bei den Blue Devils Weiden und im Nachwuchsbereich der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Gleichzeitig bin ich Hochschuldozent an der DHGS und Host des Podcasts „Science in Sports“. Aktuell trifft man mich meistens in oder um die Hans-Schröpf Arena in Weiden an.

Was mich antreibt, ist eigentlich die Verbindung aus Wissenschaft, Theorie und Praxis. Ich möchte nicht nur wissen, was funktioniert, sondern auch verstehen, warum es funktioniert – Dieses Wissen dann so in die Praxis übersetzen, dass meine Athleten und Coaches davon profitieren.

Weg in die Sportwissenschaft

„Was war damals dein Impuls für die Sportwissenschaft?“

Sport war eigentlich schon immer ein großer Teil meines Lebens. Ich habe selbst sehr früh mit Eishockey und Tennis angefangen und dadurch relativ schnell gemerkt, wie spannend es ist, Leistung zu entwickeln und Training gezielt einzusetzen.

Neben meiner aktiven Karriere war ich bereits als Nachwuchstrainer und Athletiktrainer in Rosenheim tätig. Warum wird ein Athlet schneller? Warum funktioniert eine bestimmte Trainingsmethode bei einem Spieler, bei einem anderen aber vielleicht nicht? Und wie kann man Training möglichst individuell und wissenschaftlich fundiert gestalten?

Solche Fragen haben mich letztlich zur Sportwissenschaft gebracht – und bis heute begleiten sie mich in meiner täglichen Arbeit in Weiden oder beim DEB.

Podcast

„Warum hast du ans Mikrofon gewechselt? Welches Thema lag dir so unter den Nägeln, dass du einen eigenen Podcast dafür starten musstest?“

Ich hatte schon länger das Gefühl, dass es sehr viel gutes Wissen in der Sportwissenschaft gibt, das aber häufig entweder nur innerhalb der Wissenschaft bleibt oder sehr verkürzt in Social Media dargestellt wird.

Mit „Science in Sports“ wollte ich genau diese Lücke ein Stück weit schließen: spannende Gespräche mit Menschen führen, die wirklich Ahnung von ihrem Fachgebiet haben, und wissenschaftliche Erkenntnisse so vermitteln, dass sie auch für Coaches, Athleten, Studenten und andere Praktiker relevant und verständlich sind. Jeder soll daraus etwas lernen können.

Seit Mai 2024 sind daraus mittlerweile knapp 100 Episoden mit Gästen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und allen Teilen der Welt geworden. Für mich ist dabei besonders spannend, wie unterschiedlich die Perspektiven sein können – und wie viel man voneinander lernen kann, wenn Wissenschaft und Praxis miteinander ins Gespräch kommen.

AMS & Tech im Alltag

„Welche Rolle spielt AMS in deiner täglichen Trainings- und Betreuungspraxis – wo schafft es echten Mehrwert für Athleten?“

Technologie ist für mich vor allem dann wertvoll, wenn sie eine konkrete Frage beantwortet. Ich möchte nicht einfach möglichst viele Daten sammeln, sondern Daten nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen.

Monitoring- und Managementsysteme können dabei helfen, Belastung und Reaktion des Athleten objektiver zu betrachten und Entwicklungen über einen längeren Zeitraum sichtbar zu machen. Gerade im Teamsport ist das interessant, weil ich täglich mit vielen Athleten arbeite und gleichzeitig individuelle Unterschiede berücksichtigen muss.

Der größte Mehrwert entsteht für mich aber nicht durch die Daten allein, sondern durch die Kombination aus Daten, Erfahrung und Kommunikation mit dem Athleten. Technologie sollte das Trainerteam unterstützen – nicht ersetzen.

Digitale Entwicklung & Vision

„Zwischen Datenflut und Bauchgefühl: Wie verändert die Digitalisierung das Coaching heute, und wo dürfen wir bei aller Technologie den Menschen nicht vergessen?“

Ich glaube, dass Digitalisierung das Coaching enorm verändert – und das grundsätzlich eine große Chance ist. Wir können heute Dinge messen und analysieren, die vor einigen Jahren noch gar nicht verfügbar waren. Dadurch bekommen wir zusätzliche Informationen und können Entscheidungen teilweise deutlich besser objektivieren.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass wir Daten mit Wahrheit verwechseln. Nur weil etwas messbar ist, bedeutet es nicht automatisch, dass es für die jeweilige Trainingsentscheidung relevant ist!!

Am Ende trainieren wir Menschen und keine Datensätze. Der persönliche Austausch, die Erfahrung des Coaches und vor allem die Frage, wie sich ein Athlet tatsächlich fühlt und bewegt, bleiben entscheidend.

Für mich liegt die Zukunft deshalb nicht in „Daten statt Bauchgefühl“, sondern in einer sinnvollen Kombination: wissenschaftliche Evidenz, objektive Daten, praktische Erfahrung und ganz wichtig, der Mensch im Mittelpunkt.

https://open.spotify.com/show/3WN7ZUuVaor4JYRGlarvjN?si=b89fe7cd7d70469f

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